Auf der Bank

Lauf, Ahmed, lauf! Du bist spät dran für deinen Deutsch-Kurs. Sechs verdammte Minuten bis zum nächsten Zug? Was werde ich der neuen Lehrerin sagen? Ich muss sie davon überzeugen, dass ich der beste Schüler bin. Sie könnte denken, ich sei nur irgendein fauler „Migrant“. Wie sagt man ‚Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung‘ auf Deutsch? Uff! Der Klassenraum ist verschlossen. Der Kurs findet heute nicht statt. Verflucht nochmal, wie konnte ich das vergessen? Bin ich dabei, mich in einen Teil der deutschen Maschine zu verwandeln?

Was tue ich als nächstes? Nutze ich meinen Berlin-Pass, um kostenlos ein Museum zu besuchen? Lege ich mich in einen Park und lese diesen herzzerreißenden neapolitanischen Generationen-Roman? Ich setze mich auf eine Bank gegenüber der Schule und denke nach.

Eine Frau kommt auf mich zu. Sie zieht einen Koffer hinter sich her. Schaut sie mich an? Ja, das tut sie. Sie spricht sogar mit mir. Sie ruft, können Sie mir vielleicht helfen. Das ist mir fast noch nie passiert, seitdem ich aus Kairo hierhergezogen bin. Man wird hier nicht oft von Fremden angesprochen. Sie setzt sich lässig neben mich. Ich muss ein günstiges Hostel finden, sagt sie, weniger als 20 Euro.

Ohne weiter nachzufragen konsultiere ich mein Smartphone. Natürlich bin ich neugierig. Hier sitzt diese heiße blonde Frau in echt kurzen Shorts, in der Nähe der Kurfürstenstraße, dem Straßenstrich, mit einem Koffer und ohne Unterkunft. Ich frage sie nicht, woher sie kommt. Ich frage sie nicht nach ihrem Job. Warum zum Teufel frage ich mich überhaupt, ob sie eine Prostituierte ist? Zügele deine Vorurteile. Ich versuche, sie zu begraben.

Oh wow, ein weiterer Fremder spricht uns an. Er kommt und setzt sich neben uns auf die Bank, mit einem Glas Wein in der einen Hand und einem Joint in der anderen. Er wedelt mit dem Joint und fragt, ob wir ihn mit ihm teilen wollen, da wir schließlich auf der Bank sitzen, auf der er üblicherweise abhänge. Ohne zu zögern sage ich, danke, das wäre toll. Sie lehnt ab, als ich ihn ihr weiterreiche. Er fängt an, Ratschläge für mögliche Unterkünfte zu geben und Vorschläge aus seiner Erfahrung als gebürtiger Berliner.

Er bekommt einen Anruf. Das ist mein Therapeut, sagt er. Er rufe an, um ihren Termin zu verschieben. Er verlässt vorübergehend die Bank, um mit ihm zu sprechen. Als er fertig ist, kommt er zurück und erklärt, dass der Therapeut ihm seine „psychische Krankheit“ zertifiziere. Diese Papiere kann er dann beim Jobcenter einreichen, um Arbeitslosenunterstützung zu erhalten. Es sei nicht viel, sagt er, aber genug um ihn über Wasser zu halten.

Ist er obdachlos? Ich weiß es nicht. Schluss jetzt mit diesen albernen Vorurteilen. Es sei seine Rebellion gegen diese schreckliche Gesellschaft, die die Leute zwinge zu arbeiten, anstatt ihr Leben wirklich zu leben, sagt er. Er sagt er habe Freunde auf der Straße, er gehe zu dieser und jener Bar, er nehme Koks oder Haschisch, Heroin gehe gar nicht, und er sei ein Fan von Pilzen, und vergleicht dann europäische mit mexikanischen Sorten.

Dann kommt er mit der „Wo kommst du her?“-Frage. Die Blase platzt. Das Mädchen ist Polin. Ich bin Ägypter. Er sagt, eine schöne Frau wie du wird ja wohl kein Problem haben, eine Unterkunft zu finden. Sie sagt, sie sei schon mal in Sharm el Sheikh gewesen! Wer ist dieses Mädchen? Und warum rückt sie jetzt auf der Bank näher an mich heran? Macht sie mich an? Und warum finde ich diesen Typen plötzlich attraktiv? Als er seine Frau und Geliebten erwähnt, frage ich ihn, wie viele es seien.

Von Ahmed Awadalla

Übersetzung: Sarah Hartmann

Illustrationen: Daria Zakharova

Ein Gedanke zu „Auf der Bank

  • August 10, 2018 um 11:39 pm
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