Mein Berlin: Vom Wunsch bleiben zu dürfen und einer Stadt, die umarmt

Dieser kollaborative Beitrag wurde im Frühjahr 2016 geschrieben und stellt Begegnungen aus dieser Zeit dar, nachdem eine große Anzahl von Geflüchteten in Berlin angekommen war. An welche Begegnungen erinnerst Du Dich? Und wie haben sie ‚Dein‘ Berlin geprägt?

Sarah Fichtner in Zusammenarbeit mit Hussam Tumma Al-Saadi, Rawaa Azizi, Alaa Ali, Sarah Hartmann.
Illustrationen Alvaro Martinez.

Wir trinken Tee in der sonnigen Küche eines Büroraums in Berlin Kreuzberg, einem der zahlreichen Treffpunkte für Menschen, die 2015/16 als Geflüchtete nach Berlin gekommen sind und Menschen, die Berlin schon länger als ihre Heimat bezeichnen. Dieser spezielle Treffpunkt ist unter der Woche ein pädagogisches Fortbildungszentrum. Seit September 2015 wird es jeden Sonntag von einer Gruppe von Freiwilligen aus der Initiative „Tango Berlin Hilft“ in ein lebendiges Café verwandelt. Ursprünglich ins Leben gerufen, um Notübernachtungsplätze für Geflüchtete in Tanzschulen zu ermöglichen, schuf dieses Netzwerk hier einen Wochenendraum für Begegnung und Erholung. Als Tangotänzerin und freiwillige Helferin, aber auch als Sozialanthropologin und Berlin-Heimkehrerin – nach neun Jahren im Ausland – frage ich mich, was Berlin den Menschen im Sonntagscafé bedeutet. Ich lade sie ein, über ihren Weg nach Berlin und ihre Erfahrungen in dieser Stadt zu sprechen.

Alaa erzählt mir, wie er von Damaskus nach Berlin geflohen ist, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hat und was er sich vom Leben in der neuen Stadt erhofft. Aus dem Nebenraum ertönt das freudvoll aufgeregte Geschrei von Kartenspielern (UNO mit angepassten Regeln). Sophie und Mohamed decken den Tisch; es ist fast Mittag.

Ich beschloss, das Land zu verlassen, in dem ich 33 Jahre gelebt hatte. Ich brachte meine Frau und meine einjährige Tochter an einen sichereren Ort in der Innenstadt von Damaskus und ließ sie zurück.

Weil ich Palästinenser bin, kann ich nicht mit dem Flugzeug reisen. So kam ich zu Fuß, per Bus und Boot mit der Hilfe von einigen Menschen. Ich durchquerte die Türkei, Griechenland und andere Länder, bis ich hier ankam. Jetzt bin ich sehr glücklich, aber ich bin auch…. traurig! Ich bin jetzt 33. Als ich jung war, stellte ich mir vor, dass ich jemand werde, der für meine Gesellschaft nützlich ist, ein Anwalt. Aber jetzt ist alles zerstört und ich bin so traurig….

Berlin ist eine schöne Stadt. Es ist jetzt meine Stadt. Es ist meine Stadt und ich möchte jemand sein, der dieser Stadt nützlich ist; dieser Stadt, die uns so sehr hilft. Wir sind hierher gekommen, um zu studieren, zu arbeiten, unsere Zukunft aufzubauen…. Ich gehe täglich in eine Schule am Herrmannplatz und lerne Deutsch. Die Situation am LAGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin, jetzt Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten) ist schwierig mit all dem Papierkram. Ich bin ohne Geld angekommen, aber Gott sei Dank ernährt uns unser Heim. Ich lebe in einer Turnhalle mit 150 Leuten. Als es schneite, haben wir den Schnee vor dem Heim geräumt und die ganze Straße gereinigt.

Ich war überrascht, Dinge in Berlin zu sehen, die es in Syrien nicht gibt, wie die U-Bahn. Meine erste Fahrt machte mich so glücklich, es ging so schnell!

Und es gibt diese großen Parks! Eines Tages hoffe ich, ein Fußballspiel im Stadion zu sehen. Vielleicht, wenn Bayern München spielt, mein Lieblingsverein. Bei der WM habe ich Deutschland unterstützt und eine kleine Flagge in mein Zimmer gehängt. Es gibt einen deutschen muslimischen Spieler, Mesut Özil. Er gibt seinem Team alles, was er kann. Wie er, ein muslimischer Spieler, möchte ich dieser Gesellschaft alles geben, was ich kann.

 

Gabrielle und Alexandra, zwei Freiwillige, schließen sich unserem Gespräch an. Ich frage sie, was Berlin für sie bedeutet.

Gabrielle: Berlin ist mein Zuhause. Weißt du, ich lebe seit 40 Jahren hier! Berlin ist Inspiration! Berlin ist immer in Bewegung, steht nie still. Und zur gleichen Zeit ist es ein Dorf. Berlin ist wegen seiner Geschichte, wegen Ost und West, eine sehr wichtige Stadt in der Welt. Berlin ist ein Symbol für Ost und West.

Alexandra: Und wir haben so viele verschiedene Nationalitäten in Berlin. Berlin steht für gegenseitiges Verständnis, für Fairness…

Gabrielle: Ich hoffe, dass die Gentrifizierung aufhört! Zu Alaa: Weißt du, was das bedeutet? Er schüttelt den Kopf und signalisiert ein „Nein“. Die Leute in Berlin sind bodenständig, weißt Du? Sie sind so: Sie stellt die Füße schwungvoll fest auf den Boden. Seit dem Mauerfall wollen alle Reichen in Berlin investieren: Häuser kaufen, Wohnungen kaufen, kaufen, kaufen, kaufen… und machen dadurch alles teurer. Gentrifizierung bedeutet, dass Menschen, die Geld haben, sich ausbreiten, was es den Armen schwer macht zu bleiben. Es ist bitter für die Stadt, für die Künstler, für die Armen… Alaa nickt und sagt: Ja, es ist so schwer. Ich bin seit sechs Monaten auf Wohnungssuche … Weißt du, ich bewundere die Geschichte von Berlin: Nachdem es zerstört wurde, erwachte es wieder zum Leben und man sieht, wie es aus Ruinen wieder aufgebaut wurde. Alle waren zusammen daran beteiligt: Deutsche, Muslime, andere, alle zusammen. Und das ist zum Wohle aller!

Nachmittags setzen sich meine Freundin Sarah und ich in die Kinderecke: eine Decke voller Spielsachen und Puppen, wo wir mit Rawaa reden, während wir mit ihren Kindern Muhamad (2½) und Mariam (8 Monate) spielen. Rawaa kommt aus Aleppo. Sie sagt:

Ich habe den Traum, Deutsch zu lernen, mein Studium fortzusetzen und hier mit meinem Mann zu arbeiten. Ich konnte mein Wirtschaftsstudium in Syrien nicht beenden; es war zu gefährlich. Als die Fenster in unserer Wohnung wegen der Bomben zerbarsten, konnte ich nicht länger bleiben. Ich habe Angela Merkel im Fernsehen gesehen. Sie sagte, dass Geflüchtete in Deutschland willkommen sind.

Mariam war drei Monate alt, als wir abreisten. Es war eine lange Reise. Sie dauerte zwei Wochen. Von Aleppo nach Izmir, auf einem Boot zu einer griechischen Insel, nach Athen, Mazedonien, Serbien mit dem Taxi… dann nachts zu Fuß über die Grenze nach Ungarn, mit einem GPS auf dem Handy. Das Taxi von der Grenze nach Budapest kostete 200€ pro Person. Von Budapest aus nahmen wir den Zug nach Wien und wurden nach Berlin gebracht. Es war nicht unsere Entscheidung, hierher zu kommen. Wir wollten nur nach Deutschland.

Der Sohn meiner Schwester ist nach Norwegen weiter gereist, weil die Registrierung hier so lange gedauert hat. Inzwischen hat er bereits eine Wohnung gefunden und lebt sein Leben. Wir sind seit fünf Monaten in einer Turnhalle. Es ist so schwierig mit einem Baby. Ich kann sie nicht auf den Boden legen; es ist zu schmutzig. Ich habe gehört, dass es wirklich schwer ist, in Berlin eine Wohnung zu finden und dass es Leute gibt, die ihre Häuser nicht an Geflüchtete vermieten wollen. Das macht mir Angst… Aber die meisten Leute sind nett in Berlin und bieten ihre Hilfe an.

Ich gehe jeden Morgen um 5 Uhr zum LAGeSo, auch wenn mein Termin erst später ist. Wenn man zu spät kommt, sagen sie einem, dass man nächste Woche wiederkommen soll. Wir aber wollen wirklich unseren eigenen Wohnraum haben. Es gibt nur einen Dusch- und einen Toilettenraum für Frauen in der Turnhalle. Das ist echt nicht einfach mit unseren kleinen Kindern.

Rawaa und ihr Ehemann Jihad kommen jeden Sonntag mit ihren beiden Kindern in das Café. Nach ihrem Lieblingsplatz in Berlin gefragt, sagen sie wie aus der Pistole geschossen, dass es dieser Raum ist, das Sonntagscafé. Auf Deutsch schreiben sie auf ein Flipchart: „Ich bin gerne hier, weil ich hier viele Freunde habe“. Im März 2016 zog die Familie aus der Turnhalle in eine andere Unterkunft für Geflüchtete, in der sie ihren eigenen kleinen Raum haben. Sie träumen immer noch davon, in einem „normalen“ Haus in eine größere Wohnung zu ziehen. Diese Sehnsucht nach einem privaten Raum, um sich niederzulassen und ein Zuhause zu finden, ist ein zentrales Anliegen für viele Menschen, die ins Sonntagscafé kommen. Die Unsicherheit darüber, ob man in Berlin bleiben kann oder nicht, verursacht Frustrationen. Muhamad, 19 Jahre aus Syrien, hebt diesen Punkt während einer Diskussion an einem anderen Sonntagnachmittag hervor:

Wir sind verwirrt. Es gibt Probleme am LAGeSo und Schwierigkeiten hinsichtlich unserer Aufenthaltserlaubnis. Wir versuchen, die deutsche Sprache zu lernen und unsere Zukunft zu planen, aber die Verwirrung über unsere Bleibeperspektive verursacht viel Nervosität und lenkt uns ab. Ich bin wie viele andere schon seit sechs Monaten hier und eigentlich müssten wir bereits fließend Deutsch sprechen. Aber wir können uns nicht konzentrieren. Diese Probleme stellen sich dem Spracherwerb in den Weg. Mein Hauptwunsch besteht darin, mich niederzulassen, die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und zu wissen, dass ich bleiben kann. Aber wie so viele andere habe ich meine Fingerabdrücke in Ungarn gelassen und weiß nicht, welche Konsequenzen daraus folgen. Ich bin sehr nervös wegen meines Schicksals.

 

Khaled, ein junger Mann in den Zwanzigern, fügt hinzu: Für mich ist die bürokratische Behandlung eine große Enttäuschung. Wir dachten, dass das deutsche Gesetz klar und eindeutig ist, aber Leute mit dem gleichen Profil dürfen bleiben, oder werden abgelehnt, müssen sieben Monate oder nur ein paar Tage warten… das ist nicht fair und verursacht viel Frust.

Ich frage ihn, ob sich die Stadt seit seiner Ankunft verändert hat. Nun, ich bin im September 2015 in Berlin angekommen und dachte, dass es viele Menschen geben würde, die gegen Geflüchtete sind. Ich erwarte immer noch, diese Leute zu treffen und weißt Du, ich lebe in Köpenick, aber ich sehe sie nie. Ich denke dass sich nichts geändert hat. Die Leute sind nett… naja, bis auf die alten Leute vielleicht… Unser Hauptproblem ist, dass wir wegen des Krieges in Syrien alles zurücklassen mussten: die Großzügigkeit unserer Leben, unsere Häuser und unsere Bildung. Und Berlin, nun, es wird schwer sein, Berlin zu verlassen, wenn ich an einer Universität anderswo angenommen werde. Ich habe hier ein neues Leben begonnen und neue deutsche und arabische Freunde gefunden.

Hussam, ein Architekt aus dem Irak, der als Freiwilliger im Sonntagscafé hilft, stimmt zu: Es gibt so ein Berlin Flair: Diese enorme kulturelle Mischung und diese erstaunliche Flexibilität sehe ich in anderen Städten nicht. Ich habe in Jordanien, in Dubai, in Hamburg und in Erfurt gelebt, bevor ich vor 2 ½ Jahren nach Berlin kam. Die Schönheit dieser Stadt, das heißt ihre Fähigkeit aufzunehmen und zu umarmen, diese Balance im Zusammenleben, lässt es sehr normal erscheinen, dass Berlin diese enorme Zahl von Neuankommenden begrüßt hat.

 

Während ich helfe, Tische und Stühle umzustellen, um das Café wieder in einen Büroraum zu verwandeln, denke ich über die Geschichten, Sorgen, Hoffnungen und Meinungen nach, die mir mitgeteilt wurden. Ich bin dankbar für diese Begegnungen, für diese kostbaren Momente, in denen Menschen, die ich nicht kenne, beginnen Bekannte zu werden. Ich sage mir, nicht zu viel Zeit damit zu verschwenden, zu Hause am Schreibtisch zu sitzen, sondern raus zu gehen und zuzuhören. Ich fahre nach Hause und fühle: mich umarmt meine Stadt, Berlin.

 

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