Unendliche Punkte – ein Genre-Kaleidoskop

Entstanden im Encounter Workshop “Wildes Schreiben“ am 14.6.2025. Vorgegeben war der Titel „Unendliche Punkte“, den die jüngste Workshopteilnehmerin aus einer eingangs erstellten Assoziationsliste aussuchte. Freigewählt war das Genre. Aus unterschiedlichen Perspektiven fügen sich diese Genres (Nachrichtenartikel, Krimi, Märchen und Theater) zu einem bunten Kaleidoskop zusammen.

Foto eines Mädchen von oben.

1. Unendliche Punkte – Nachrichten
von Mara Cucu

Unendliche Punkte 13.12.2036, Montag

In Brandenburg, Langestrasse wurde ein überaus mysteriöser Punkt gesichtet. Die Zubehör- und Absolvierroboter aus 2030 wurden zum ersten Mal eingesetzt. Doch noch immer bleibt es ein Geheimnis. Jensen als Zeuge berichtet: „Es war wirklich eine Sehenswürdigkeit, einen Punkt mit Beinen und Gesicht zu sehen.“ Lina: „Es war richtig krass zu sehen, wie sich ein Punkt bewegt!“

Wissenschaftler forschen noch. Sie wollen mit dem Punkt in Kontakt treten. Es gibt in Südafrika eine riesige Insel, die immer größer wird, doch kein Mensch hat es dorthin geschafft.


Unendliche Punkte 14.12.2036, Dienstag

Große News! Wissenschaftler sind über Nacht mit dem Punkt in Kontakt getreten und haben versucht, mit ihm zu reden.


Punkt: „Ich heiße Punkt und ich möchte zu der, euch Menschen unbekannten, Insel Maja, sie wird immer größer, dort leben meine Gefährten!“


Unendliche Punkte 15.12.2036, Mittwoch

Der Punkt wurde mit Hilfe eines erstaunlich stabilen Segelbootes kurz vor der Insel ins Wasser gelassen und er ist zur Insel geschwommen. Alles hat sich zum Guten gewendet!

Und nun zur Weihnacht bla bla….

Foto eines Mädchen von oben.

2. Unendliche Punkte – ein Krimi
von Martha Rasche


Vom Weltall gesehen ist die Welt nur ein Punkt unter vielen, ein kleines Detail des Gesamtbildes. Vielleicht, sehr wahrscheinlich, würde es kaum auffallen, wenn dieses Detail verschwinden würde. Es würden nur jene bemerken, die danach suchten, die wussten, dass es eigentlich da sein sollte. Diejenigen, denen dieser eine Punkt unter unendlichen Punkten fehlte.

Von weit entfernt schien das Mädchen wie ein kleiner unbedeutender Punkt. Sie rannte, rannte bis ihre Lungen schmerzten. Immer wieder drehte sie sich nach dem um, was sie zu verfolgen schien—ein weiterer Punkt.

Ein Keuchen entfuhr ihr, als sie ihn wieder erblickte und sie rannte weiter, immer schneller und schneller.

Schließlich blieb sie an etwas hängen und fiel. Der andere Punkt war nun sehr nah. Er hielt etwas in der Hand, etwas Spitzes. Das Mädchen konnte jetzt seinen Atem hören. Er ging stockend, denn auch die andere Gestalt war gerannt. „Das war ein Fehler“, flüsterte der Verfolger und beugte sich über das Mädchen.

Sie versuchte sich aufzurichten, wieder zu rennen, nicht aufzugeben, aber ihre Beine versagten.

Ihr fehlte die Kraft, es weiter zu versuchen.

Der scharfe Gegenstand wurde gehoben und versank in seinem Ziel. Das Mädchen dachte an ihre Familie, ihre Eltern und ihre Freunde. Ihnen würde auffallen, dass ein Punkt fehlte.

Sie lächelte ein letztes Mal. Vielleicht war es so einfacher. Sie würde nicht mehr kämpfen müssen und vielleicht, aber nur vielleicht, würde sie glücklicher sein.

In diesem Moment flog ein Hubschrauber über die Szene. Der Mann, der in besagtem Hubschrauber saß, erblickte zwei Punkte weit unter ihm. Der eine Punkt entfernte sich von dem anderen, er bewegte sich schnell, beinahe hastig. Der andere Punkt blieb zurück, bewegte sich nicht.

Mit der Zeit bildete sich eine Traube um den Punkt. Immer mehr Punkte versammelten sich, bis es so viele waren, dass sie unendlich schienen. Unendliche Punkte.

Foto einer Frau von oben.

3. Unendliche Punkte – ein Märchen
von Sarah Fichtner


Es war einmal vor sehr langer Zeit – und doch war es gerade erst gestern – ein kleiner Punkt am Rande des Universums. Dieser Punkt – oder war es eine Punktin? Sagen wir: es war ein Pünktchen. Dieses Pünktchen war so hell, dass alles um es herum verblasste.

Es tanzte flimmernd durch das Universum und versetzte alle, die es sahen, in Entzückung. Doch weil es so hell war, sah es gar nicht die Schönheit, die es umgab. Da waren wilde Schluchten und schneebedeckte Berge, üppige grüne Wälder und tiefblaue Meere. Alle Lebewesen der Schluchten, Berge, Wälder und Meere sahen zu dem flimmernden Pünktchen auf und bewunderten dessen Tanz. Das Pünktchen fand sich selbst sehr schön und spürte die Bewunderung der Lebewesen. Wie ein wundersames Elixier ließen es die Blicke aus der Ferne immer heller strahlen. Und je heller es wurde, desto weniger sah es die anderen. Dabei sehnte es sich so sehr nach der Gemeinschaft anderer Pünktchen.

Eines Tages, als das Pünktchen etwas müde war, flog es tiefer als sonst über die schneebedeckten Berge. Auf einem dieser Berge stand das Haus der sagenumwobenen Hexe Nurtilla. Als das Pünktchen durch den aufsteigenden Rauch aus dem Kamin des Hexenhauses flog, hörte es die Stimme der Hexe: „Pünktchen, tanz im Rauch des Feuers und mach die Augen auf; dann siehst Du, wonach Du Dich sehnst.“ Und richtig: Nicht mehr geblendet vom eigenen Strahlen sah das Pünktchen unendliche Punkte um sich herumtanzen. Tausende Feuerfunken, die sich im großen Reigen vereinten und eine wohlige Wärme verströmten.

Und die Moral dieser Geschichte ist: wer nur sich selbst sieht, verpasst die anderen.

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4. Unendliche Punkte – ein absurdes Theaterstück
von Irina Savu-Cristea


Dekor: Ein großes (A3) Skizzenbuch, in der Mitte geöffnet: zwei weisse Seiten, leer bis auf zwei lilafarbene Punkte, einer auf jeder Seite.
Punkt 1: Ich fühle mich so klein und allein, wieso sehe ich hier nie jemanden?
Punkt 2: (räuspert sich) hhmmm hhhmmm!
Punkt 1: Ich habe schon ewig lang keinen anderen Punkt gesehen.
Punkt 2: Das ist nicht der Punkt! Den hast du verfehlt!
Punkt 1: Mach mal einen Punkt! Du bist immer hier, du zählst nicht.
Punkt 2: Meinst du ich bin unzählbar?
Punkt 1: Du weisst was ich meine.
Punkt 2: Ja, ich weiss. Du BIST gemeint.
Punkt 1: Siehst du?? Unfassbar! Wir sind zwei Punkte, die sich die ganze Zeit um die gleiche Stelle drehen!
Punkt 2: WAS unterstellst du damit?
Punkt 1: Die Frage ist: WO?
Punkt 2: Antworten stoßen Fragen an, nicht anders herum. Punkt Punkt Punkt (…)
Punkt 1: OK. Lasst uns damit arbeiten! Die Antwort lautet: unendliches Beisammensein.
Punkt 2: Was bringt dich zu dieser Antwort?
Punkt 1: Mich interessiert die Frage der Einsamkeit.
Punkt 2: Willst du jetzt ernsthaft damit punkten?
Punkt 1: Schön wärs! Wenn sich Punkte nur durch bloßes Wünschen setzen ließen…
Ich würde unendlich viele Punkte setzen. Immer und immer wieder… Punkt-Punkt-
Punkt… Wir würden einander immer näher kommen. Wir würden zusammen tanzen. Uns so eng aneinander kuscheln, dass mein Lila dort enden würde, wo dein Lila beginnt. Oder umgekehrt.
Punkt 2: Ich bin mir nicht sicher, ob mir so viel Nähe wirklich recht wäre. Ich würde mich irgendwie in all den anderen verlieren.
Punkt 1: Wow, daran habe ich nie gedacht. Ich würde Zugehörigkeit spüren. Sinnhaftigkeit. Teil von etwas Größerem sein und dabei mein Selbst ganz klar fühlen. Ein winziger lilafarbener Punkt in einem unendlichen lilafarbenen Meer…
Punkt 2: Moment mal…!! Das Meer ist doch direkt hier – es ist nur nicht lila! Es ist weiß! Sieh dich um… wir sind in einem unendlichen Meer aus weißen Punkten!
Punkt 1: Die ganze Zeit… so blind… so endlos, ohne Punkt und…
KLAPP!


Die Szene endet, als das Skizzenheft lautstark zugeklappt wird.


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